25.09.2020Im FokusMichael Wollny

Michael Wollny "Mondenkind"

 

 

Am 20. Juli 1969 verließen Neil Armstrong und Edwin "Buzz" Aldrin das Schiff Columbia, um wenige Stunden später als erste Menschen auf dem Mond zu landen. An Bord zurück blieb Michael Collins, der den darauffolgenden Tag, auf die Rückkehr seiner Kollegen war-tend, alleine um den Mond kreiste und bei jeder Umrundung jeweils 46:38 Minuten lang von Blick- und Funkkontakt mit der Erde ausge-schlossen war. In der damaligen Berichterstattung hatte das seine Stilisierung als „vermutlich einsamster Mensch aller Zeiten“ zur Folge; auf diesen Umstand angesprochen, erklärte Collins stets, dass seine Solo-Umkreisung des Mondes trotz seiner Einsamkeit von folgenden Gemütszuständen geprägt war: „awareness, anticipation, satisfac-tion, confidence, almost exultation.“ - Michael Wollny
 
Manchmal schreibt der Zufall die erstaunlichsten Geschichten. Ein gutes Dutzend Alben als Leader und über 15 Jahre als Recording-Artist hat sich Michael Wollny Zeit gelassen, für sein erstes „klassisches“ Piano Solo Album. Zu groß waren seine Neugier und Lust am Zusammenspiel mit anderen musikalischen Partnern, dem gemeinsamen Finden neuer, ungehörter Musik. Piano Solo, ob auf der Bühne oder im Studio - das ist in der Regel eine einsame Angelegenheit. Doch Anfang 2020 schien die Zeit reif für den Blick nach innen, das Forschen in Wollnys grenzenlosem, über die Jahre immer weiter gewachsenen Fundus aus Musik, Geschichten, Gedanken, Stimmungen, Bildern und Begegnungen. Und dann fällt der zumindest äußerlich einsame Akt der Soloaufnahme im April 2020 mitten in den weltweiten Lockdown. Eine Zeit des Rückzugs nach innen, in der die Welt plötzlich klein und leise wird, von einem Moment auf den anderen ihr Tempo verliert, in dem ihre Reizflut plötzlich abreißt und in der sich die Menschen auf sich selbst besinnen.
 
„Es war eine surreale Situation.“ erinnert sich Wollny. „Zwei Tage verbrachte ich, zum ersten Mal seit langem alleine und ohne Mitmusiker, im großen Aufnahmeraum des Berliner Teldex Studios. Auf dem Weg zu den Aufnahmen saß ich alleine im Auto, fuhr durch eine leere Stadt, am Abend lief ich zurück in mein menschenleeres Hotel, es gab nicht nur keine weiteren Gäste, sondern auch kein Personal. Ich war absolut allein mit mir und der Musik, und die Ideen, die sich aus dieser Situation ergaben, gingen weit über den ursprünglich gesetzten Rahmen des Albums hinaus. Das Alleinsein brachte mich dazu, über radikale Solisten nachzudenken, und so kam mir die Geschichte des Astronauten Michael Collins in den Sinn, der während der Apollo 11 Mission alleine den Mond umkreiste, und dabei immer wieder jeden Kontakt zur Erde verlor.“ 46 Minuten und 38 Sekunden – so lange dauerte Collins‘ Blackout im All – genauso lange wie Wollnys Album „Mondenkind“.
 
Ungeachtet der Einsamkeit der Spielsituation ist „Mondenkind“ ein Dialog. Zu allererst mit der Musik. Wollny erzählt die Geschichte des Albums in Form von kunstvollen, facettenreichen Songs. Alle handeln vom Alleinsein, von Solisten, Einzelgängern und Unikaten. Und zusammen ergeben sie einen großen Bogen, voller Spannung und Entspannung, filmisch, erzählend. Gut die Hälfte der Stücke stammen aus Wollnys Feder. Die andere Hälfte von Musikern, die für ihn eine besondere Bedeutung haben: Sängerin und Songschreiberin Tori Amos, die Band Timber Timbre, die Neutöner Alban Berg und Rudolf Hindemith sowie das außerweltliche Pop-Planetarium von Sufjan Stevens, Bryce Dessner und Nico Muhly. Es ist Wollnys große Meisterschaft, im sehr persönlichen Zwiegespräch mit diesen extrem gegensätzlichen Elementen eine eigene Welt zu kreieren, in die der Zuhörer nur allzu gerne staunend eintaucht.
 
„Mondenkind“ ist auch ein Dialog mit dem Raum und dem Instrument. „Das Thema Piano Solo hat klanglich, spielerisch und erzählerisch heute eine ungeheure Bandbreite“, erläutert Wollny. „Mir war relativ schnell klar, dass ich einen „klassischen“ Ansatz wählen wollte, bei dem der volle, dynamische, lebendige Raumklang eines großen Konzertflügels im Mittelpunkt steht. Keine Studiotüftelei, keine Effekte.“ Man spürt, wie sehr Wollny in diesem Konzept aufgeht, immer wieder in den Klang des Instruments und des Raumes hineinhört und auf das Gehörte reagiert. Und mit welcher Freude er das Spektrum des Flügels auslotet, von zarten Melodielinien und Harmonien über donnernde Bass-Gewitter und klirrende Cluster, hin zu den für ihn so charakteristischen, sich auftürmenden Klanggebirgen, und dem Spiel im Innenleben des Instruments.
 
Und schließlich, vielleicht am allerwichtigsten, ist die Aufnahme auch ein Zwiegespräch Wollnys mit seinem künstlerischen Ich. „Mondenkind ist ein Wort, das ich mir ganz zu Beginn dieser Produktion vom Schriftsteller Michael Ende und seiner Unendlichen Geschichte entliehen habe. Das Wort ist kein Selbstportrait, sondern kennzeichnet einen Schlüsselmoment im Buch, in dem der Protagonist - allein auf sich gestellt - seiner Welt einen neuen Namen gibt und damit erneut belebt. Eine Aufgabe, die sich einem Musiker eigentlich mit jedem neuen Album stellt - und ganz besonders mit einem Solo-Album.“ „Mondenkind“ ist ein tiefer Blick in Wollnys persönliches „Book of Sounds“, seinen weiten musikalischen Kosmos, eine Reflexion seiner eigenen Geschichte. Und ein sich gegenseitig Inspirieren des Bewussten und des Unterbewussten. Und so ist diese Soloeinspielung schließlich, weder für ihren Erschaffer, noch für den Hörer, doch keine so einsame Angelegenheit. Sondern vielmehr ein kostbarer Moment, ganz bei sich und ganz all-ein zu sein.

Zurück zur Übersicht