Zurück zu Alben Details

Simon Nabatov
Three Stories, One End

Three Stories, One End
Three Stories, One End

Produktinformationen

Besetzung

Simon Nabatov - piano
Drew Gress - bass
Tom Rainey - drums


Aufnahmedetails

Recorded by Christian Heck at Loft Studio, Cologne
on November 13 - 14, 2000
Produced by Hans-Martin Müller and Simon Nabatov


Der sensible Donner-Gott: Simon Nabatov im Trio

Wenn er spielt, ist man manchmal versucht zu glauben, der Konzertflügel könne jeden Augenblick in tausend Stücke zerspringen. Der Pianist Simon Nabatov ist eine Naturgewalt. Läufe im Zeitraffer-Tempo münden in Sound-Gewittern, Melodien zarter Balladen zersplittern plötzlich unter Fortissimo-Akkorden, und selbst bei augenzwinkernden Anleihen vom Stride-Piano-Stil der 30er Jahre ist die explosive Cluster-Kunst des Free Jazz nicht weit.

Kaum ein anderer Jazz-Pianist auf der Welt beherrscht die Kunst, das Publikum in die abenteuerlichsten Wechselbäder zu stürzen, so virtuos wie dieser russische Amerikaner, der in Köln lebt. Mit einer tadellosen Technik, die er zunächst am Moskauer Konservatorium und dann an der New Yorker Juilliard School ausgebildet hat, kann er alles machen. Und immer wieder fasziniert, wie er es tut. Nabatov, Jazz-Koloss von Weltrang und Klavier-Gigant mit kristallklarem Anschlag, ist ein Anti-Schöngeist par excellence. Er lege großen Wert darauf, dass beide Seiten des Lebens in seiner Musik Eingang finden, "das Schöne und das Schreckliche", hat er einmal gesagt.

Doch das Schöne und das Schreckliche kann in der Musik unendlich viele Facetten haben - wie die vorliegenden Trio-Aufnahmen beweisen. Mit zwei ausgesprochen flexiblen Partnern ist Nabatov da zu hören: Zwei Musikern, die seinem Profil ein starkes Eigenes entgegensetzen. Der aus Kalifornien stammende Schlagzeuger Tom Rainey, gefragter Sideman unterschiedlichster Bandleader von John Abercrombie bis Danny Zeitlin, ist mit Nabatov schon aus früheren Aufnahmen vertraut. Und Bassist Drew Gress, geboren in New Jersey, hat sich etwa bei Don Byron, Dave Douglas, als Mitbegründer des Quartets Joint Venture sowie selbst als Leader und Komponist einen Namen gemacht.

Drei, bei denen die Chemie stimmt: Ganz zart kann Nabatov da werden - einer, der keineswegs mit aller Macht das musikalische Geschehen an sich reißt, sondern in eng verzahntem Spiel zusammen mit den Partnern agiert. Manchmal gewinnt das Schöne dabei sogar die Überhand, etwa in perlend weichen Paraphrasen auf John Coltranes Klassiker "Giant Steps" - Riesenschritte, die sozusagen in viele feine, kleine zerlegt sind. Auch bei Thelonious Monks "Epistrophy" verwandelt sich ein Dr. Jekyll nicht urplötzlich in einen Mr. Hyde, sondern das Böse schimmert subtil hinter dem Guten durch.

Weniger einen Pianisten der radikalen Brüche als einen der allmählichen Entwicklungen kann man in diesen Trio-Aufnahmen hören. Doch dabei hat auch Nabatovs Ironie immer wieder genug Freiraum, um aufzublitzen, etwa in der funkensprühenden Interpretation von Sonny Rollins Latin-Ohrwurm "St. Thomas". Viermal ist das Trio hier auch mit Eigenkompositionen Simon Nabatovs vertreten. Als einer, der griffige Themen in den unterschiedlichsten Stilen schreiben kann, sogar Bebop und Balladen nicht scheut, erweist er sich dabei. Im Schluss-Stück "Wish I Were There" verzichtet Nabatov, ganz und gar lyrisch und sanft, sogar auf jeglichen Fallstrick fürs Publikum. Es muss ein Liebeslied sein - eines, das keinen Flügel zerspringen lässt, aber vielleicht das eine oder andere Herz.