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Helge Sunde
Finding Nymo

Helge Sunde - ©Christine Gullhav
Helge Sunde - ©Christine Gullhav
Helge Sunde - ©Christine Gullhav
Helge Sunde - ©Christine Gullhav

Produktinformationen

Besetzung

Ensemble Denada directed by Helge Sunde
with Olga Konkova - piano
Marilyn Mazur - percussion


Aufnahmedetails

All music composed and produced by Helge Sunde
Executive Producer: Anders Eriksson

Recorded by Jan Erik Kongshaug & Peer Espen Ursfjord at Rainbow Studio Oslo, Norway, October 17 - 18, 2008 & January 17 - 18, 2009


Verglichen mit den Umwälzungen bei kleinen Bandbesetzungen hat sich bei großen Orchestern im Jazz seit dem Ende der Bigband-Ära erstaunlich wenig getan. Sucht man neue Ansätze, wird man automatisch im hohen Norden landen: Norwegen hat sich als Hochburg großer Ensembles etabliert, vorangetrieben von Leadern wie Trygve Seim, Geir Lynse - und natürlich Helge Sunde. Der 44-Jährige aus dem kleinen Ort Stryn ist gewissermaßen die Allzweckwaffe der norwegischen Orchesterszene: Er ist Lehrer an der staatlichen Musikakademie und an anderen Universitäten. Als Komponist für klassische Symphonieorchester und moderne Ensembles hat sich Sunde einen Namen gemacht. Auf der Bühne ist der Posaunist und Multiinstrumentalist in Formationen wie dem Norwegischen Radio Orchester, Geir Lysnes Listening Ensemble oder dem Ophelia Orchestra sowie als Leiter eigener Bands zu erleben.

Bei Helge Sunde wird „Um-die-Ecke-Denken zum vitalen, leidenschaftlichen Spaß“ (Jazzthing). „Vertrackt und furios, detail- und klangbewusst geht es zu im Orchester des Komponisten und Blechbläser Helge Sunde", schreibt das Fono Forum über raffinierte Arrangements und feine Klangbilder, die auf seinem 2007 erschienenen ACT-Debüt Denada (ACTSACD 9805-2) zu hören sind. Mit dem Norske Store Orchestra ist hier „ein groovendes, mitreißendes Musikerlebnis" (Jazzpodium) entstanden.

Beim Nachfolger Finding Nymo (ACT 9492-2) hat nun das Ensemble den CD-Namen Denada geerbt, der sich so vieldeutig aus dem Spanischen ableiten lässt: Kann es doch für „Aus dem Nichts kommend“ stehen wie für „Gern geschehen“ oder über den Umweg ins Englische für „Willkommen“. Eine unverbindliche Aufforderung zur Spontaneität sozusagen.

Erneut lädt Sunde damit in ein wie einem Füllhorn entsprungenes musikalisches Reich ein, in dem sich seine vielseitigen Vorlieben und kreativen Arbeitsfelder kaleidoskopartig entfalten. Er interessiert sich auf Finding Nymo vor allem für rhythmische und dynamische Prozesse und für klassisches Jazz-Musizieren. Trotz eines völlig eigenständigen Soundgefüges bleibt sein Ensemble Denada also sehr nah an der Bigband-Tradition. Virtuose Gäste wie die Garbarek-Weggefährtin Marilyn Mazur an Perkussion oder Pianistin Olga Konkova, dazu der Stamm aus versierten norwegischen Orchestermusikern und einigen Bandmitglieder von Geir Lynse, setzen die mal federleichten, mal hintergründigen Ideen Sundes meisterlich um.

Fast wie ein Epilog zur Geschichte großer Jazzensembles wirkt das abschließende „Lullaby Of Broltesia“: In einer ebenso nach Grieg wie nach Ellington klingenden, dahinschmelzenden Balladen-Melodie erhebt sich ein geträumtes (und ironischerweise vom Schnaufen eines Schlafenden ausgeleitete) Musik-Wunderland. Sunde umreißt seinen Kompositionsgedanken mit einem Augenzwinkern: „In dieser Welt hört jeder Jazz von Bigbands, bekommen Musiker Gratis-Flugtickets und Künstler müssen keine Steuern zahlen.“

Vorher indes gestaltet sich - nach der sphärischen Einleitung mit der kurzen Gedicht-Vertonung „One Word“ - ziemlich genau die erste Hälfte von Finding Nymo als musikalisches Roadmovie: Eindrücke von einer Europatournee im Jahre 2007 hat Sunde kongenial für das Ensemble Denada in Szene gesetzt, wobei die humorvollen Arrangements mit dem Sprachwitz von Titeln wie „Molto Alghero“ oder „Valse Trieste“ korrespondieren. Ein Aufenthalt bei „Jazz am Bauernhof“ an der österreichischen Grenze schlägt sich in dem flotten, rhythmisch pointierten „Obstler“ nieder, der fast das inzwischen brachliegende Erbe des Vienna Art Orchestras anzutreten scheint. Als Spiegelbild des unglaublichen Verkehrs in der italienischen Hauptstadt nimmt „When In Rome“ die Dynamik der klassischen amerikanischen Bigbands auf, illustriert durch authentischen Verkehrslärm.

Ein Potpourri aus Erinnerungen an seine Kindheit („Bryk“ etwa, ein norwegischer Dialektausdruck für Lärm, ist der Begeisterung der Großmutter für sein frühkindliches Musizieren gewidmet), aus seiner Vorliebe für Schach, Rätsel und Anagramme („MoonCrier“) oder aus Widmungen an seine Familie bestimmt die zweite Hälfte des Albums. Der Titeltrack schließlich ist ein seinen großartigen Saxophonisten Atle und Frode Nymo gewidmetes Wortspiel mit „Finding Nemo“, und holt mit rasantem Tempo, abstrakten Improvisationen und elektronischen Sounds den Bebop in die Gegenwart.

Finding Nymo ist die musikalische Visitenkarte eines glänzenden Orchesters, aber vor allem auch ein schillerndes und spannendes Porträt eines der kreativsten Köpfe der europäischen Szene – Helge Sunde.